Fritsch am Berg ****
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Vor langer, langer Zeit, als Wünschen noch geholfen hat, gab es viele Wälder auf dieser Welt

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Die Melodie der Bäume


Vor langer, langer Zeit, als Wünschen noch geholfen hat, gab es viele Wälder auf dieser Welt.
Die verschiedensten Bäume wuchsen dort und viele Tiere lebten in ihrem Schutz.
Eines Tages wehte ein leichter Wind durch einen Wald und er nahm die Gedanken eines Baumes mit auf seine Reise. Er trug sie in einen Wald am anderen Ende der Welt. Dort stand ein anderer Baum, der den Wind in seinen Zweigen spürte und die Gedanken auffing, bevor sie drohten zu Boden zu fallen. Und die Gedanken berührten die Zweige und Blätter des Baumes. Sie blieben daran haften und der Baum konnte die Gedanken erfühlen. Und weil er offen war konnte er nicht nur die Worte wahrnehmen, sondern auch die Bilder der Worte und die Symbole. Er hörte die Geschichten der Worte und ihre Melodie. Und weil den Baum berührte was er da wahrnahm, beauftragte er den Wind seine eigenen Gedanken mit auf den Weg zurück zu nehmen – ans andere Ende der Welt. Vielleicht würde der Wind den Baum ja wiedererkennen, der einst seine Gedanken versendet hatte. Ihm sollte er sie überbringen.

Und der Wind nahm die Gedanken des Baumes mit auf seinen Weg. Tatsächlich begegnete er dem ersten Baum wieder – in dem Wald – am anderen Ende der Welt. Und er überbrachte die Gedanken, die eine Antwort waren. Auch dieser Baum war bereit sie aufzunehmen. Nicht alles, was er spürte war so, wie er sich die Wälder – am anderen Ende der Welt – vorgestellt hatte. Vieles davon stimmte nicht und einiges befand er für gut. Und er sendete eine Art von Antwort auf den Weg – mit dem Wind als Boten.

Viele Male musste der Wind seinen Weg antreten um Gedanken, Bilder, Gefühle und Geschichten hin und her zu tragen. Und manchmal lächelte der Wind, denn er hörte mit, was die Bäume sich gegenseitig erzählten. Sie sprachen von dem, was sie erlebt hatten. Sie erzählten Geschichten, die ihr Leben geprägt hatten. Sie erklärten, was sie beschäftigte. Und so wurde der Wind ihr Vertrauter. Manchmal war einer der Bäume mit den Gedanken des anderen nicht einverstanden, doch sie versuchten einander nicht dafür zu verurteilen. Sie tauschten sich aus um mehr über die Welt zu erfahren. Denn sie waren offen dafür.

Die Zeiten zogen ins Land und aus dem Winter war schon lange ein Frühling geworden und die Blätter an den Bäumen waren zart, fast gläsern. Genauso zerbrechlich wie der leichte Wind, der die vielen Botschaften hin und her trug. Und ein dichtes Blättergewand umhüllte die Bäume. Es diente dem Schutz und dem Leben.

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen wurde der Wind kräftiger. Er wurde stark und konnte die Gedanken leichter tragen. Denn sie wurden gehaltvoller. Als die Tage wärmer wurden teilten die Bäume schon viele Geschichten. Und wenn der Wind in den Blättern raschelte mussten sie manchmal lachen, weil es kitzelte. Ihre Zweige bogen sich im Sommerwind und man konnte die Stellen sehen, an denen sie verletzt waren. Stürme hatten einige abgebrochen als sie noch jünger waren. Sie wussten nicht immer damit umzugehen. Auch Bäume müssen lernen, wie fest sie sein müssen um Bestand zu haben und wie viel sie nachgeben mussten um unbeschadet zu überleben. Doch nicht jede Windböe konnte in Kauf genommen werden. Manchmal mussten

Zweige brechen, denn so erkannten die Bäume, welches ihre starken Äste sind. Doch all die Verletzungen an ihren Ästen und Zweigen, an ihren Stämmen waren nicht mehr so schlimm, weil sie sich durch ihre Geschichten heilten.

Es kamen Tage, an denen die Abende kühler zu werden schienen. Der Wind – als Bote – war am Tag noch warm doch nachts schon fast kalt. Und die Blätter der Bäume begannen in verschiedenen Farbtönen zu schimmern. Noch bedeckten sie die Bäume und stimmten sie fröhlich, wenngleich die Bäume wussten, dass der Herbstwind ihre Blätter bald fortwehen würde. So genossen sie die wärmenden Tage. Und wenn der Wind durch die Zweige und Äste wehte um die Gedanken und Geschichten zu übermitteln, so schienen sie manchmal fast zu lachen.

Als die ersten Blätter von den Winden mit auf die Reise genommen wurden brauchen die Bäume ihren Schutz nicht mehr. Sie waren gefüllt mit Klängen und Tönen, mit Melodien und Symbolen, mit Gedanken und Geschichten – von sich selbst und vom anderen.

Die ersten kalten Tage hüllten die Welt ein und die Bäume wussten um ihr Schicksal. Sie waren gewachsen um zu wärmen. Und so wurden ihre Körper gefällt. Ihre Kronen sanken zur Erde. Diejenigen, die die Stämme zersägten und genau hinzusehen vermochten, erkannten unter der Rinde und in den Ringen die Spuren, die das Leben im Wald bei den Bäumen hinterlassen hatte. Sie lächelten und freuten sich über das Leben der Bäume.

Und wann immer die Körper dieser Bäume – irgendwo auf der Welt – in den Flammen des Feuers verbrennen, stiegt Rauch auf. In sich trägt der Rauch die Energie der Bäume und damit ihre Gedanken, ihre Geschichten, ihre Lieder. Melodien vermischen sich mit der kalten Winterluft und werden vom Wind fortgeweht. Über Wiesen und Wälder.

Und wenn ein Wissender die Türe öffnet, um hinaus zu gehen, dann kann er den kalten Winterwind auf der Haut spüren und hört die Melodie der Bäume.

Diana Sicher-Fritsch

 

SEIN UND WERDEN

 

Als sie ihn zum ersten Mal wahrnahm sah sie seine Augen.
Sie waren offen.
Und er ließ sie herein.

Als er sie hereingebeten hatte, sah sie ihn.
Sie nahm ihn wahr als das was er war.
Und sie wusste, dass er wusste. Und er wusste, dass sie wusste.
So begaben sie sich auf die Reise.

Und er war das, was er werden musste, denn der Weg schien ihm vorgegeben.
Und er wurde.
Doch sie sah das, was er war.

All das was er tat, tat er mit jugendlichem Herzen.
Es hielt ihn jung, machte ihn fröhlich.
Doch es hielt ihn in einer Zeit gefangen.
Und so fühlte er sich manchmal. Dieser Zeit ausgeliefert.

Das was sie sah machte ihm ein wenig Angst.
Und so hielt er sich, hielt sie, hielt sich – hielt fern.
Um nicht dem zu begegnen.
Um nicht werden zu müssen, was ängstigte, was ihm etwas nehmen könnte.

Doch es gab nur zwei Wege.

Der eine Weg war zu bleiben.
In einer inneren Welt, die er sich zurecht gelegt hatte. Diese Welt war schön, war bequem, war komfortabel.
Diese Welt war die eines jungen Menschen. Und er kannte sie zu gut.
So ließe es sich leben, ließe es zu, zu sein.
Doch die Welt hielt ihn fest. In dem, was er eigentlich längst nicht mehr war.

Der andere Weg war das zu werden, was er war.
Und der Weg ging hinaus in den Wald. Ging dorthin, wo man sich dem stellen musste
– letztendlich, mit der Konsequenz etwas zu verlieren, etwas zu gewinnen.
Nicht Menschen, nicht Gegenstände.
Sich selbst!

Und er wusste, er würde sich dem eines Tages stellen müssen.
Sich selbst.

Sie forderte nichts von ihm. Sie war da.
So stand sie vor ihm, reichte ihm die Hand.

Diana Sicher-Fritsch

 

EINE GESCHICHTE, DIE DAS MEER MIR MITGAB

 

An jenem Tag, so sagt man, steht die Sonne still. Das passiert jedes Jahr wieder – immer wieder – und darum gibt es keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es gibt nur ein Jetzt.
Der Mann hatte gelernt und erfahren was Hingabe ist. Und doch suchte er weiter. Er wusste, dass es noch mehr geben musste – viel mehr. Das, was den Sinn ausmacht und er war bereit diese Veränderung zu erleben.
Er suchte sich eine Frau, die mit ihrer Fingerspitze seine Seele zu berühren vermochte.

Und als sie das tat, legte er sich auf den Rücken und streckte seinen Kopf nach hinten. So legte er seinen Hals frei.
Es war das Zeichen für sie, dass er bereit war sich selbst aufzugeben und er wusste, dass er ihr voll und ganz vertrauen konnte, denn er vertraute ihr sein Leben an. Sie kniete sich neben ihm, legte ihm ihre linke Hand auf sein Herz und wartete.

Nach einiger Zeit spürte er ihre Wärme und mehr noch. Er spürte, dass sich etwas veränderte.  Denn die Wärme drang durch Schichten aus Schlacke und Asche in ihn ein und berührte sein Herz.
Er hatte nicht damit gerechnet und spürte große Schmerzen. Und er fühlte wie ein kleiner Junge, der mit dem Schmerz eines aufgeschlagenen Knies, seinen Weltschmerz mitfühlte, der tief in ihm saß. Und der Schmerz des Mannes war unendlich groß und weit. Doch die Wärme hielt sein Herz am Leben.

Und sein Herzschlag war so stark, dass er Risse in dem Panzer erzeugte. Die Risse wurden tiefer, größer und es war ihm, als würde sein Brustkorb gesprengt und er hatte Angst zu sterben. Und er weinte aus tiefster Seele. Er beweinte vieles aus seinem Leben. Und die Tränen rannen aus seinen geschlossenen Augen, bildeten Rinnsale, Bäche und Ströme. Doch die Wärme hielt sein Herz am Leben.
Die Hand der Frau blieb auf seinem Herzen.  Und als die Tränen versiegten, war der Panzer gesprungen und die Frau konnte die schweren Platten mit ihrer rechten Hand fortschieben von seiner Brust und er atmete frei.
Sie kniete sich an sein Kopfende. Sie legte seinen Kopf in ihren Schoß und breitete ein kühles Tuch über seine Stirn und seine Augen. Seinen Körper wusch sie in einem Meer von Licht.

Das Licht heilte die Wunden und die Risse. Es füllte die entstandenen Lücken mit Zuversicht und strahlte von nun an in ihm.
Danach breitete sie ihre Arme wie ein Zelt über ihm aus und in dessen Schutz schlief er ein.  Viele Stunden, vielleicht Tage, vergingen.
Sie wachte über seinen Schlaf und wartete geduldig bis er erwachte. Dieses Erwachen war der Moment, in dem er seinen Körper nicht mehr von ihrem unterscheiden konnte, seine Seele, sein Herz und seinen Verstand nicht mehr ihm alleine gehörten. Es war der Moment, in dem er sich selbst aufgab um ein Teil zu sein.

Und weil er nun ein Teil war, erlebte er nicht länger nur seine eigenen Gefühle, sondern auch ihre Gefühle und alle Gefühle der Welt. Und er wusste, dass er nun lernen musste damit umzugehen. Denn manchmal ist das allzu viel. Doch mit jedem Atemzug und jedem Herzschlag fühlte er, dass er sein eigenes Leben spürte, dass er weiterleben würde und erkannte in Demut seine eigene Bedeutung. Den Sinn.
Es war der Sinn, den er selbst dem Leben gab.

Diana Sicher-Fritsch

 

DER SAMMLER

 

Und er sammelt.

Er sammelt Menschen, Situationen, Ereignisse, Informationen. Er sammelt Events und Aktivitäten. Er sammelt Autos, Häuser, Verabredungen, er sammelt alles. Sogar Lob und Bestätigung.
All das sind kleine bunte Knete-kugeln, die er natürlich auch sammelt, und dann in die Löcher stopft. Er repariert damit den Weg seines Lebens. Jeder Riss, jede Mulde wird so gekittet und aufgefüllt.
Der Sammler entscheidet sich nicht. Nicht dafür und auch nicht dagegen. So bleibt alles bei ihm. Egal ob er damit etwas anzufangen weiß oder nicht.

Der Sammler HAT.

An den Tagen, an denen es ihm gut geht, schaut er auf seinem Weg zurück und sieht einen bunten Teppich. Und er schaut auf seinem Weg vorwärts. Und auch hier hat er viele, viele bunte Farbkleckse, die sein Auge erfreuen. Und er findet sein Leben bunt. Geht fröhlich pfeifend seinen Weg und freut sich über den Überfluss an Lebensinhalten.

An anderen Tagen ist sein Gang nicht so sicher. Seine Fußsohlen ertasten die Unebenheiten auf einem Weg. Denn egal wie bunt die Farbtupfer auf seinem Weg sind, sie sind letztendlich nur Ausbesserungsversuche. Durch sie entsteht kein Bild.

An diesen Tagen stellt er fest, dass seine Sammlung nicht vollständig ist. Und er erhofft durch viele, neue Farbkleckse ein Bild entstehen lassen zu können. So sammelt er weiter. Bunte Knete-kugeln. Drückt sie in die Schlaglöcher, die sein Leben holprig machen. Immer wieder in der Hoffnung ein Bild für den eigenen Weg zu bekommen.

Diana Sicher-Fritsch

 

DER SORGENBAUM

 

Der Sorgenbaum
Der
 Tischler, den ich angestellt
hatte,
 um mir bei der Restaurierung eines
altem
 Bauernhaus zu helfen, hatte gerade einen
harten ersten Tag in seinem Job beendet. Ein platter
Reifen  kostete ihn eine Stunde Arbeit, seine elektrische Säge
versagte  ihren Dienst  und  nun  wollte  sein  altertümlicher Pickup
nicht  anspringen.  Während  ich ihn  nach Haus fuhr, saß er in steinerner
Ruhe  neben mir.  Als wir bei ihm zu Hause angekommen  waren, lud er mich
ein, seine Familie  kennen zu lernen. Während  wir  zur Vordertür gingen, blieb er
kurz an einem kleinen Baum stehen und berührte die Spitzen der Zweige mit beiden
Händen. Als sich die Tür öffnete machte er  eine erstaunliche Wandlung durch. Sein
gebräuntes  Gesicht  schmückte  ein  Lächeln  und er  umarmte seine zwei kleinen
Kinder und gab seiner Frau einen Kuss. Später, als er mich zu  meinem Wagen
begleitete, kamen  wir wieder an  diesem Baum vorbei und meine Neugier
gewann die Oberhand. Ich fragte ihn, was es mit diesem Baum auf sich
hatte. "Oh, das ist mein Sorgenbaum.", antwortete er. "Ich weiß, dass
ich  Sorgen  und  Probleme  im Beruf nicht  verhindern kann, aber
eines ist sicher: sie gehören nicht ins Haus, zu meiner Frau
und den Kindern. Also hänge ich jeden Abend,
wenn ich nach Hause komme, meine
Sorgen und Probleme ganz
oben in den Baum
und am nächsten
Morgen  nehme
ich  sie  wieder
ab. Das lustige
an  der  Sache
ist,"  sagte  er
mir lächelnd,
" Wenn    ich
m o r g e n s
heraus komme,
um  die Sorgen
wieder     abzu-
nehmen,    dann
hängen  dort  viel
weniger
, als ich glaubte
am
 Abend vorher aufgehängt zu haben.“

Autor unbekannt
(Ein Denk-Art-Baum)

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